www.meltonpriorinstitut.org - 03.05.2006



?Luftlinie" oder das unerwählte Motiv

Theo de Feyter:

Der Begriff „onverkoren“ ist im Holländischen ein fiktiver Begriff, der doppeldeutig ist. Er kann sowohl „nicht gewählt“ als auch „nicht auserwählt“ bedeuten.

Nicht gewählte Motive sind Motive, auf die ich durch Zufall gestoßen bin. Ich bin ein Maler, der draußen arbeitet, „vor dem Motiv“. Meine Suche nach Motiven in der Natur oder der Stadt wird beeinflusst von üblichen Vorstellungen davon, was ein “schönes“ Motiv ist, ein Motiv, das wert ist gemalt zu werden. Als Folge davon bin ich ständig damit beschäftigt, Dinge in meinem Gesichtsfeld zu klassifizieren.

Die Wahl eines Motivs entsteht manchmal aus einem gelungenen Moment der Unfähigkeit. Renoir erzählte einmal, dass er lange damit beschäftigt war, einen Blumenstrauß für ein schönes Stillleben zu arrangieren. Er tat dies so ausgiebig, dass er sich am Ende nicht mehr für eine der vielen Lösungen entscheiden konnte. In seiner Verzweiflung kehrte er das Gebinde einfach auf den Rücken und malte die Blumen dann so, wie sie sich zeigten. Auch ich kehre mich mitunter in einer Landschaft einfach um und male sie dann so, wie sie sich zeigt.

Nicht gewählte Motive sind Motive ohne eigene Tradition des Malerischen. Diese nicht-pittoreske Tradition besitzt im Übrigen sehr wohl eine Geschichte. In der Malerei vollzog sich zu Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine große Veränderung in der Motivwahl und auch in der Kompositionsweise. Es war die Zeit, in der Künstler begannen, in kleinem Format in Öl oder mit Gouachefarben „draußen“ zu malen. Motive, die bislang als unansehnlich erachtet wurden, wie zum Beispiel ein Brett über einem Wassergraben, kahle Wände, Dächer oder eine zufällige Aussicht aus einem Fenster wurden unter anderem von Thomas Jones (1742-1803), Pierre-Henri de Valenciennes (1750-1819) und den Malern des „dänischen goldenen Jahrhunderts“ in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (zum Beispiel Christen Købke (1810-1848) und Johan Thomas Lundbye (1818-1848)) gemalt. Bei den Malern dieser Periode kann man noch einen großen Unterschied ausmachen zwischen den Bildern, die sie nach der Natur gemalt hatten – diese waren in der Regel kleinformatig mit quasi zufälligen, banalen Alltagsmotiven – und den offiziellen Werken, die sie für Ausstellungszwecke produzierten. Diese waren dann großformatig mit historischen Motiven oder idealisierten Landschaftsdarstellungen. In der Periode des Impressionismus traten die unansehnlichen Motive dann in den Vordergrund. Die Maler des „modernen Lebens“ (Baudelaire) bevorzugten die Wahl von flüchtigen Themen, wie Straßenszenen oder den Wechsel des Lichts. Die Malerei des Impressionismus wird inzwischen allgemein akzeptiert und als pittoresk erachtet. Die Entwicklung der Malerei und des Zeichnens des zeitgenössischen Lebens geht allerdings weiter voran.

Die Leute, die mich beim Malen draußen beobachten, sehen das in der Regel jedoch anders. Als ich einmal in einem Außenbezirk am Rande der Stadt eine Straße mit Hochhäusern malte, kam eine Frau mürrisch mit dem Fahrrad auf mich zu. Im Vorbeifahren sagte sie: „Sie schauen in die falsche Richtung. Das da ist schön.“ Dabei zeigte sie auf eine Wiese mit Wassergräben und einer Mühle, der ich den Rücken zugekehrt hatte. Auch in anderen Kulturen reagieren die Zuschauer meist auf diese Weise. Als ich in Damaskus, Syrien, einen modernen Verkehrsplatz malte, sagte ein Passant entrüstet: „Warum malen Sie hier? Das hier könnte überall sein! Warum malen Sie nicht die Omayyadenmoschee in der Altstadt?“ Es existiert im Allgemeinen eine sehr begrenzte Auffassung von dem, was schön ist und was nicht. Ein Maler wird im Übrigen mit Argusaugen beobachtet, weil er ein Gütesiegel auf die Landschaft klebt. Das Siegel ist der „Beweis“ dafür, dass es schön sein muss.

In dem Projekt „Vogelvlucht (Luftlinie)“ kommen beide Aspekte des „unerwählten Motivs“ zum Zuge.


Bildstrecke: "Luftlinie" (20 Zeichnungen)


Das Projekt entstand während eines Aufenthalts im „Gastatelier Höherweg“ in Düsseldorf. Auf dem Stadtplan von Düsseldorf hatte ich eine Linie von meinem Atelier, das in einem Industriegebiet des 19. Jahrhunderts liegt, zum Schlossturm gezogen, der bekanntesten Sehenswürdigkeit der mittelalterlichen Altstadt. Überall dort, wo die Linie einen Platz oder eine Straße kreuzte, malte oder zeichnete ich an Ort und Stelle die Umgebung, und zwar so, dass mein Blick der Richtung der Linie folgte. Dabei kam ich auf 20 Stationen innerhalb einer Distanz von etwa vier Kilometern. Ich zeichnete und malte völlig sachlich. Das Hauptaugenmerk der quasi-dokumentarischen Bilder liegt dabei auf den Motiven, während die Person des Künstlers im Hintergrund bleibt.

Die Orte wurden mir also von der Linie diktiert. Es sind Orte, die ich mir selbst nie ausgesucht hätte: die Autohäuser entlang der „Automeile“, langweilige Straßen wie die Engelbert- oder die Hubbelratherstraße, in denen jedes Ornament der Gründerzeit konsequent von den Giebeln entfernt wurde, oder der Parkplatz hinter dem Musical-Theater Capitol; alles „vergessene“ Motive, die in der pittoresken Tradition nicht vorkommen. Genauso wie in den Niederlanden und in Syrien war auch in Deutschland das Erstaunen in den Außenbezirken groß. Die Leute reagierten mit einer Mischung von Beinahe-Empörung („Was machen Sie denn hier?“) und auch von Stolz, da ich mir als Maler ihre Gegend als Motiv ausgesucht hatte.

Das Projekt zeigt eine ganz andere Ansicht der Stadt als eine Standardgeografie, die einen Unterschied macht zwischen Haupt- und Seitenstraßen. Es bedeutet einen Schnitt durch die Zeit, und dieser Schnitt bildet die Stadt zugleich auch so ab, wie sie sich realiter zeigt: Mit Straßenlaternen, Aufschriften auf Gebäuden, Bäumen hinter einem Zaun, neu entworfenem Straßenmobiliar, dem Giebelkahlschlag, der so charakteristisch ist für Deutschland, mit Parkplätzen, einem Matratzengeschäft, einem neuen Gebäude von Richard Meier, Ampeln, McDonald`s und zum Schluss dem Schlossturm.